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Bunt-störrisch in Düsseldorf: Die Kiefern

Bunt, miteinander, füreinander: Die Kiefernstraße beweist, wie Großstadtleben auch sein kann. Im Rahmen eines Projekts der Fachhochschule des Mittelstands zur Gestaltung der jährlich erscheinenden Hochschulzeitschrift „emJott“ hat die Studentin Christina Stojanov zum Thema „Wir und die Welt“ einen Artikel über die Kiefernstraße geschrieben. In diesem Artikel beschreibt sie nicht nur die Geschichte und Bedeutung der Straße, sondern lässt auch den „Geist der Kiefern“ wunderbar zum Vorschein kommen.

Inmitten grauer Gewerbegebiets-Tristesse, Discountermärkten, tosenden Hauptverkehrsstraßen und Bürogebäuden existiert am Rand von Flingern ein 380 Meter langes Paralleluniversum, in dem der Anonymität der Großstadt Gemeinsamkeit entgegengesetzt, graue Betoneinöde durch bunte Wände und Blumenbeete verdrängt und städtischer Fehlplanung mit entschiedener Gegenwehr begegnet wird. Hier gehen die Uhren anders als in den benachbarten Büros, dass schon zeitlos kommt es dem Besucher vor. Hier möchte man gern länger verweilen und die Atmosphäre, die so anders ist, in sich aufsaugen. Willkommen auf der Kiefernstraße!

Es ist ein heißer Sommertag, als ich mich auf den Weg zur Kiefernstraße mache. Impressionen möchte ich sammeln, mich inspirieren lassen und hier und da etwas vom Straßenleben aufschnappen. Als ich die Kiefern, wie die Straße von ihren Bewohner*innen genannt wird, betrete, werde ich von einem Farbenmeer empfangen – die Hausfassaden leuchten mir geradezu entgegen. Und die Sonne am blauen Himmel lässt die Farben noch mehr strahlen. Gleich das erste Haus an der Ecke Kiefern-/Fichtenstraße, die K1, ist mit seiner Bemalung ein wahres Kunstwerk. Viele der Hausfassaden auf der Kiefernstraße sind mit Streetart verschiedener Düsseldorfer Künstler verziert. Die Bemalungen sind ein Markenzeichen der Straße und ziehen immer wieder Menschen an, welche die bunten Motive bestaunen und auf Bild und Video festhalten. Es gibt sogar wöchentliche Stadtführungen für Düssel­dorfer Streetart, die durch die Kiefernstraße führen.

Immer mehr Häuser und ganze Straßenzüge fielen dem Abriss zum Opfer, um Bürogebäude und Häuser mit hochpreisigen Miet- und Eigentumswohnungen zu bauen oder auch neue Straßen zu erschließen, um Düsseldorfs Attraktivität als Gewerbestandort zu erhöhen.

Dabei sah es hier vor ca. 120 Jahren noch vollkommen anders aus. Die Kiefernstraße existierte damals noch nicht. An ihrer Stelle lag die Ruhrtalstraße, die die „Städtische Gasanstalt“ mit den Fabriken und Werken in Oberbilk verband. Durch den unteren Teil der heutigen Kiefernstraße, damals die Pfeil­straße, führte die Eisenbahntrasse der Düsseldorfer-Eberfelder Eisenbahn. 1902 wurde die Kiefern­straße eingeweiht, mit dem Plan, hier Wohnungen für die Arbeiter der benachbarten Werke zu bauen. Damals schon war es den Erbauern ein Anliegen, keine Arbeiterkolonie oder Mietskasernen zu erschaffen, sondern es sollten interessant anzusehende Häuser mit einfachen, aber guten und gesunden und vor allem für Arbeiter bezahlbaren Wohnungen entstehen. In den Wohnungen der Kiefernstraße lebten Arbeiter der benachbarten Klöckner-Werke bis 1977. Dann wurde damit begon­nen, die Mieter nach und nach umzusetzen. Die Klöckner-Werke waren bereits 1975 stillgelegt und die Häuser an das Liegenschaftsamt der Stadt Düsseldorf verkauft worden. Die Stadt Düsseldorf plante den kompletten Abriss der Häuser, das gesamte Wohngebiet sollte in ein Gewerbegebiet umge­wandelt werden – und das zu einer Zeit, in der die Wohnungsnot in Düsseldorf stetig schlimmer wurde. Immer mehr Häuser und ganze Straßenzüge fielen dem Abriss zum Opfer, um Bürogebäude und Häuser mit hochpreisigen Miet- und Eigentumswohnungen zu bauen oder auch neue Straßen zu erschließen, um Düsseldorfs Attraktivität als Gewerbestandort zu erhöhen. Besonders betroffen von der Wohnraumsituation waren Geringverdienende, denn es mangelte vor allem an günstigen Wohnungen. 1981 wurden allein 3.000 Wohneinheiten vernichtet, während 11.000 Wohnungen benötigt wurden. Als die Stadt Düsseldorf in dieser Situation dem Sozialamt Wohnungen in den leerstehenden Häusern auf der ungeraden Seite der Kiefernstraße für die Einquartierung von Flücht­lingen überließ, riss den Wohnungssuchenden der Geduldsfaden. Sie beschlossen, sich selbst zu helfen und besetzten 60 dieser Wohnungen. Den 60 Wohnungen folgten wegen des großen Bedarfs weitere sowie leerstehende Ladenlokale. Damit begann der Mythos Kiefernstraße als letzte Bastion der Haus­besetzer in Düsseldorf und Sammelbecken alternativer Lebensmodelle. 

Die neuen Bewohner*innen der Kiefernstraße krempelten die Ärmel hoch und fingen an, die Wohnungen und Häuser wieder bewohnbar zu machen. Vieles musste repariert und renoviert werden, denn über Jahrzehnte hinweg war an den Häusern nichts mehr instandgesetzt worden. Für das gemeinschaftliche Leben wurden zwei Cafés eingerichtet: die „Müllkippe“ und das „Nix Da“, wo die Bewohner*innen zusammenkommen konnten. Vom Café „Müllkippe“ in der K5 ist nichts mehr zu sehen, also setze ich meinen Weg fort und entdecke auf der anderen Straßenseite das „Kulturbureau Kiefernstraße“. Das „Kulturbureau“ in der K4 und bietet Künstler*innen Raum, ihre Arbeiten zu präsentieren. Außerdem ist es ein Treffpunkt der Bewohner*innen für Straßenversammlungen. Die K4 war schon davor ein Ort, an dem die Menschen zusammenkamen. Ganz am Anfang war das Haus ein Verwaltungsgebäude, das eine Speisewirtschaft und ein Badehaus beherbergte. 1981 befand sich in der K4 ein Lebensmittelgeschäft, dem Jahre später ein Kiosk folgte, an dem sich die Bewohner*innen gern für einen Plausch und ein Feierabendbier trafen. Nach Jahren des Leerstands eröffneten die Kiefernbewohner*innen schließlich eine Galerie. 

Als ich die Straße weiter hinunterschlendere, wird mein Blick wie magisch von der K7 angezogen mit seiner auffälligen goldgelben Farbe und der Bemalung mit asiatischen Motiven. Die K7 war zusammen mit der K9 eines der letzten Häuser auf der ungeraden Seite der Straße, die Anfang 1986 besetzt wurden. Wegen der Besetzung dieser beiden Häuser kam es zur ersten heftigen Eskalation des Konflikts zwischen den Bewohner*innen und der Stadt Düsseldorf. Die Bewohner*innen weigerten sich auf die Forderung der Stadt einzugehen, zumindest eines der Häuser wieder zu räumen. Deshalb sollten beide Häuser zwangsgeräumt werden. Sobald die Bewohner*innen davon erfuhren, verbarri­kadierten sie am 24. Februar 1986 beide Zugänge zur Kiefernstraße und warteten auf die Räumungstrupps, die wahrscheinlich am nächsten Tag anrollen sollten. Als am nächsten Tag eine Polizeistreife an der Kiefernstraße vorbeifuhr, dachten die Aktivisten an der Barrikade, dass die Räumung unmittelbar bevorstand und die Streife die Vorhut sei. Sie beschlossen im Alleingang zu handeln: die Barrikade an der Fichtenstraße wurde angezündet, es flogen Steine, wovon einer einen Polizisten am Kopf traf. Daraufhin zogen sich Polizei und Politik zurück und verzichteten zunächst auf weitere Maßnahmen, um die Stimmung in der Straße nicht weiter eskalieren zu lassen, zumal die Aktion auch ein hohes Interesse bei den Medien erregte. In einer Dokumentation, die der Direkte Aktion Wohnungsnot Kiefernstraße e.V. 1986 herausgab, hieß es, dass sich die Bewohner*innen darauf vorbereiteten, die Räumung und den Abriss der Kiefernstraße mit allen Mitteln zu verhindern, denn der Abriss drohte immer noch. Zwar hatte die Stadt Düsseldorf 1984 den Abriss der Häuser ausgesetzt, aber das bedeutete nicht, dass die Bewoh­ner*innen der ungeraden Seite auf der Kiefern bleiben durften, denn sie verfügten über keine Verträge für ihre Häuser. Mietverträge bekamen sie erst 1988, nachdem die Stadt beschlossen hatte, die Häuser beider Straßenseiten für mindestens zehn Jahre zu erhalten. Die Mietverträge legten eine preiswerte Basismiete für alle fest und gestanden den Bewohner*innen die freie Gestaltung der Haus­fassaden zu sowie eine Nachmieterregelung, laut der die Bewohner*innen freigewordene Wohnun­gen selbst vergeben durften. So ist es bis heute geblieben: über Nachmieter entscheidet die Gemein­schaft der Kiefernstraße. Auch die Mietpreise sind weiterhin äußerst niedrig. Was auch daran liegt, dass die Wohnungen sehr einfach sind. In einigen Häusern wird sogar noch mit Kohle geheizt und viele Arbeiten an den Häusern erledigen die Bewohner*innen selbst. Es besteht ein großer Sanierungs- und Modernisierungsbedarf, weswegen sich die Kiefernstraße schon seit Jahren in Verhandlungen mit der Stadt befindet. Die Gespräche sind schwierig, denn auch die modernisierten Wohnungen sollen auch weiterhin für alle erschwinglich sein und die besonderen Rechte der Mieter erhalten bleiben.

Ich fühle mich ein bisschen wie in einem kleinen Urlaub von der hektischen Großstadt.

Ich gehe weiter, vorbei an kleinen, liebevoll gestalteten Beeten, die rund um die Bäume am Gehweg­rand angelegt wurden. Ab und zu stehen auch Bänke bei den Bäumen und laden zu einer Pause ein. Mir fällt auf, dass nicht mehr nur die Häuser auf der ungeraden Straßenseite bunt und künstlerisch gestaltet sind. Auch auf einigen Häusern der geraden Seite ist Streetart zu sehen, genau wie Plakate, Transparente und Fahnen mit Sprüchen gegen Rassismus, Spekulanten und den Ausverkauf des Vier­tels. Etwa 700 Menschen aus 45 verschiedenen Nationen leben auf der Kiefernstraße. Sie gehören den unterschiedlichsten sozialen Gruppen und Religionen an, haben verschiedene Weltanschauungen und leben in vielfältigen Lebensformen. Die Atmosphäre hier ist entspannt und offen. Ich fühle mich ein bisschen wie in einem kleinen Urlaub von der hektischen Großstadt. Als ich gerade eines der Häuser fotografiere, dessen Bemalung aussieht, als wäre es über und über mit winzigen, grünen Mosaikstein­chen übersät, öffnet sich die Tür des Hauses und ein Mann mit langem, weißem Haar, Baggy Pants und Sonnenhut tritt heraus. Als er mich beim Fotografieren sieht, gibt er mir einen Flyer über die Kiefernstraße, den die Bewohner*innen der Straße selbst gestaltet haben. Er stellt sich als Klaus von Ilusta vor und lädt mich spontan zu einem Konzert am nächsten Abend im Hof des Hauses ein. Er feiert nämlich seinen Abschied, weil er nach Spanien geht. Erst später wird mir klar, dass ich einer lebenden Legende der Kunstszene begegnet bin. Klaus ist ein international anerkannter Künstler, der vor allem für seine Aktionskunst und Installationen im öffentlichen Raum berühmt wurde.

Kurz darauf auf der Höhe der K21, dem kunterbunt bemalten Kinderclub der Kiefernstraße, kommt mir eine kleine Gruppe Jungs im Alter von acht bis zehn Jahren entgegen. Sie sind sichtlich nervös – bis auf einen Jungen, der seinen Freunden Mut zuspricht: „Ihr müsst hier keine Angst haben! Schaut, da vorn ist mein Haus!“ Die Gruppe wagt sich unter gegenseitigem Aufmuntern weiter die Straße hinauf bis zum besagten Haus, wo sie schnell wieder kehrtmachen und merklich stolz und auch ein bisschen erleichtert die Straße wieder hinunterkommen. „Seht ihr,“ bemerkt der Junge, der auf der Kiefernstraße wohnt, „ab jetzt könnt ihr immer hierherkommen und müsst keine Angst mehr haben!“ Ich verfolge die ganze Szene und kann mir das Lachen kaum verkneifen. Tatsächlich hatte die Kiefern­straße über viele Jahre den Ruf, eine Straße der Krawallmacher, Drogenabhängigen, Punks und Terro­risten zu sein. Im Herbst 1986 geriet die Straße sogar wegen möglicher Verbindungen zur RAF ins Visier staatlicher Ermittlungen. Im August 1986 war die RAF-Sympathisantin Eva Haule gemeinsam mit Bewohner*innen der Kiefernstraße verhaftet worden. In den nächsten zwei Jahren wurden immer wieder Bewohner*innen der Straße wegen Terrorverdachts verhaftet, ihre Häuser mit Großeinsatz­kommandos durchsucht und die Straße komplett abgesperrt, so dass Passanten nur nach dem Vorzei­gen ihres Personalausweises passieren durften. Die deutsche Presse betitelte die Kiefern gar mit „wichtigster Stützpunkt deutscher Terroristen“. Währenddessen wollten die meisten der Bewoh­ner*innen einfach ein friedliches Leben auf der Kiefernstraße führen, verbunden mit der Sicherheit, dort wohnen bleiben zu dürfen. Erst als im Herbst 1988 die Stadt den Mietvertragsentwürfen der Bewohner*innen zustimmte und so aus Besetzer*innen Mieter*innen wurden, wurde es auch ruhiger um die Kiefernstraße. 

Gleich neben dem Kinderclub kann es abends allerdings auch mal weniger ruhig zugehen. Dort befin­det sich in den Häusern K23 und 25 das „AK 47“, ein international bekannter Punk Club. Der Club befindet sich in einem ehemaligen Gemüseladen, den die Bewohner*innen 1982 in das „Nix Da“ umwandelten. Anfänglich sollte das „Nix Da“ ein Treffpunkt für die Bewohner*innen sein, wo sie gemeinsam kochen und essen, gemeinsam feiern und in Straßenversammlungen über die Zukunft der Straße diskutieren konnten. Mit der Zeit wandelte sich der Treffpunkt zu einem Café für verschiedene Veranstaltungen. Berühmt wurde das Café vor allem für Auftritte der Düsseldorfer Musikszene, beson­ders der Punkbands. Sogar die Toten Hosen spielten hier in den 1980er Jahren. Und mit der Zeit wurde aus dem alternativen Café ein weit über die Landesgrenzen hinaus bekannter Punk Club. Vorm „AK 47“ ist der Dorfplatz, der von den Bewohner*innen selbst konzipiert wurde. Hier können alle zusammen­kommen, z.B. für die alle paar Jahre stattfindenden Straßenfeste. Für den Platz wurde sogar ein Durch­fahrtsverbot erwirkt. Ich stelle mich auf den Dorfplatz und stelle mir vor, wie bunt und lebendig es hier zugeht, wenn Straßenfeste stattfinden, und nehme mir fest vor, beim nächsten Mal dabei zu sein. 

Hinter dem Dorfplatz ist der Kosmos der Kiefernstraße zu Ende und die hektische Welt der Erkrather Straße mit regem Berufsverkehr beginnt. Um die Kiefernstraße gegen den Lärm der Straße abzuschir­men, wurde 2010 eine Lärmschutzwand errichtet, die auch schon mal „Antikapitalistischer Schutz­wall“ genannt wird. Seit 2011 wird die Wand regelmäßig vom Kinderclub gemeinsam mit Graffiti-Künstlern gestaltet, jedes Mal unter einem anderen Motto. So wurde die Wand schon zum Thema „Mehr Grün“, „10 Jahre Hood“ oder „35 Jahre Besetzte Kiefernstraße“ besprüht. Am 8. August 2020 war erst die letzte Sprühaktion im Rahmen des „40 Tage 40grad urbanart“. Das „40grad urbanart“ ist ein Zusammenschluss von Menschen, die Urbanart in Düsseldorf mit vielen Aktionen fördern und umsetzen möchten. Der Kinderclub Kiefernstraße ist eine der unterstützenden Organisationen der Initiative. Ich folge der Wand in Rich­tung Erkrather Straße und freue mich, wie sogar diesem normalerweise langweiligen und grauen Stück Schutzwall Kreativität abgetrotzt wird.

Die Bewohner*innen sahen durch die Pläne nicht nur ihre Straße und ihre besondere Art des Zusammenlebens in Gefahr, sie fürchteten auch, dass das gesamte Quartier durch diesen Eingriff kein Ort mehr für alle Stadtbewohner*innen wäre und der Ausverkauf begänne.

Die Wand endet am Tor zum Grundstück der alten Drösser-Halle, einer ehe­maligen Autowerkstatt, die heute von der Planwerkstatt 378 genutzt wird. Die Planwerkstatt 378 beherbergt eine offene Plangruppe, die sich mit der Neugestaltung des B8-Center-Parkplatzes beschäftigt. Das Grundstück, auf dem sich der Parkplatz befindet, grenzt an einer Seite an die Kiefernstraße, an der anderen an die Erkrather Straße. 2017 wurde das Stück Land vom Projektentwickler Cube Real Estate (CRE) gekauft, um dort ein Hotel und hochpreisige Mikroapartments zu bauen. Die Bewohner*innen der Kiefernstraße wurden weder gefragt noch informiert – von den Plänen der CRE erfuhren sie nur über Umwege, wie mir Harald Schwenk im Gespräch erzählt. Harald wohnt seit 1986 in der Kiefernstraße und engagierte sich von Anfang an für die Straße und die Interessen ihrer Bewohner*innen. Sein wohnungspolitisches Engagement führte ihn schließlich in die Düsseldorfer Kommunalpolitik, wo er heute Fraktionssprecher für das B90/Die Grünen in der Bezirksvertretung 2 sowie Mitglied des Aus­schusses für Wohnungswesen und Modernisierung ist.  Die Bewohner*innen sahen durch die Pläne nicht nur ihre Straße und ihre besondere Art des Zusammenlebens in Gefahr, sie fürchteten auch, dass das gesamte Quartier durch diesen Eingriff kein Ort mehr für alle Stadtbewohner*innen wäre und der Ausverkauf begänne. Also organisierten sie zahlreiche kreative und aufmerksamkeitswirksame Protestaktionen und suchten gleichzeitig das Gespräch mit dem Investor und der Stadt, um zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Das Ergebnis war die Planwerkstatt 378, bei der die CRE, Bewohner*innen der Kiefernstraße und weitere Menschen aus Düsseldorf dabei sind, die die Gestaltung von Lebensräumen interessiert. Die Planwerkstatt hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Konzept zu entwickeln, dass die Wünsche und Vorstellungen der Bewohner*innen für ein lebendiges und bezahlbares Wohnquartier berücksichtigt, aber dennoch attraktiv für den Investor und die Stadt bleibt. Am 23. Juni 2020 stimmte die Bezirksvertretung dem Konzept der Planwerkstatt zu, so dass jetzt an der Umsetzung des Konzepts gearbeitet werden kann. Doch damit beginnt erst die eigentliche Arbeit, nun müssen Ideen konkret ausgestaltet werden. Die Bewohner*innen der Kiefern sind dazu aufgefordert, sich aktiv an dem Projekt zu beteiligen und zu entscheiden. So wurde z.B. die K22 den Bewohner*innen zum Kauf angeboten, sie dürften also das Grundstück und den Raum so gestalten wie sie möchten – Grundstückskauf und Hausbau müssen aber gut durchdacht und geplant werden. Harald sieht im Konzept der Planwerkstatt eine Chance auf für die Zukunft der Kiefernstraße, sozusagen eine Kiefernstraße 2.0. Vieles auf der Kiefern heute lebt von der Erinnerung, was die Straße einmal war und was auf ihr geschehen ist. Doch die Straße muss auch für die zukünfti­gen Generationen gestaltet werden. Das beginnt bei der notwendigen Sanierung und Modernisierung der Häuser und geht bis zur Übermittlung des Geistes der Straße. Das Credo der Bewohner*innen war immer „Kiefernstraße verteidigen!“ und wird es auch bleiben, da dieser Raum unter allen Umständen geschützt und erhalten werden soll. Die Planwerkstatt und die Aktionen rund um den B8-Center-Parkplatz können dabei helfen, die Bewegung der Kiefernstraße in eine moderne Zeit der Fridays for Future-Bewegung mit ihren neuen Protestformen hinüberzubringen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich das Projekt und die Kiefernstraße weiterentwickeln werden. 

Mittlerweile bin ich fast am Ende der Kiefernstraße angelangt. Vorn an der Ecke zur Erkrather kann ich schon den „Clube Portugês“ sehen, wo Menschen draußen sitzen und im Schatten der großen Sonnenschirme kalte Getränke und die portugiesische Küche genießen. Beinahe etwas wehmütig mache ich mich auf den Rückweg vorbei am „Red House“ in der K35. Das „Red House“ ist ein weiterer Gemeinschaftsraum der Kiefernstraße, in dem bis vor kurzem noch ein Lokal gewesen ist. Von außen ist es gut erkennbar durch einen leuchtend rot gestrichenen Vorbau in Kastenform. 

Schließlich komme ich zur Stelle, an der mein Fahrrad auf mich wartet. Die Mittagssonne brennt unerbittlich. Wie gern würde ich mich jetzt auf eine der Bänke am Straßenrand setzen, an einem Kaltgetränk nippen und die Atmosphäre noch einmal in mich aufnehmen. Aber leider muss ich weiterrollen. So werfe ich noch einmal einen Blick auf diese besondere Straße und mache mich auf den Weg in Richtung Großstadt. Kaum aus der Kiefernstraße gebogen, empfängt mich sofort der Lärm des tosenden Verkehrs auf der B8. Ich sehne mich schon jetzt nach der Ruhe und gelassenen Stimmung der Kiefernstraße und verspreche mir selbst, ganz bald wieder hierher zu kommen.